Digitale Abformung vs. klassischer Abdruck
Wer schon einmal einen Zahnabdruck mit zähflüssiger Abdruckmasse über sich ergehen lassen musste, kennt das unangenehme Gefühl: Würgereiz, Warten und die Hoffnung, dass der Abdruck beim ersten Mal gelingt. Die digitale Abformung mit dem Intraoralscanner verspricht, diese Erfahrung der Vergangenheit angehören zu lassen. Doch wie genau funktioniert die Technologie – und ist sie wirklich besser?
Der klassische Abdruck: So funktioniert er
Beim konventionellen Abdruck wird ein Abdrucklöffel mit einer speziellen Silikonmasse oder Alginat befüllt und auf den Kiefer gedrückt. Nach einigen Minuten Aushärtezeit wird der Löffel entfernt. Das Ergebnis ist ein Negativabdruck, aus dem im zahntechnischen Labor ein Gipsmodell gegossen wird. Auf Basis dieses Modells wird der Zahnersatz – sei es eine Krone, Brücke oder Prothese – individuell gefertigt.
Stärken des klassischen Verfahrens
- Jahrzehnte bewährt: Konventionelle Abdrücke werden seit über 50 Jahren erfolgreich eingesetzt. Die Materialien sind ausgereift und zuverlässig.
- Universell einsetzbar: Auch bei komplexen Kieferverhältnissen oder stark zerstörten Zähnen liefert der klassische Abdruck verlässliche Ergebnisse.
- Geringe Investitionskosten: Die Materialkosten für einen einzelnen Abdruck sind vergleichsweise niedrig.
Schwächen des klassischen Verfahrens
- Patientenkomfort: Die Abdruckmasse kann Würgereiz auslösen, insbesondere bei Abdrücken im Oberkiefer. Für Angstpatienten ist dies oft eine zusätzliche Belastung.
- Fehleranfälligkeit: Blasen in der Abdruckmasse, zu frühes Entfernen oder Speichelkontamination können den Abdruck unbrauchbar machen. Wiederholungen sind keine Seltenheit.
- Zeitaufwand: Vom Abdruck über das Gipsmodell bis zum fertigen Zahnersatz vergehen in der Regel mehrere Tage bis Wochen.
- Materialtransport: Das physische Modell muss an das Dentallabor versendet werden, was zusätzliche Zeit kostet und Transportschäden verursachen kann.
Die digitale Abformung: So funktioniert der Intraoralscanner
Ein Intraoralscanner ist ein handliches Gerät, das mit einer kleinen Kamera ausgestattet ist. Diese Kamera nimmt in Sekundenbruchteilen tausende Einzelbilder der Zähne, des Zahnfleischs und der umliegenden Strukturen auf. Eine Software setzt diese Bilder in Echtzeit zu einem präzisen dreidimensionalen Modell zusammen, das auf einem Bildschirm dargestellt wird.
Der gesamte Scanvorgang dauert in der Regel nur drei bis fünf Minuten pro Kiefer. Das digitale Modell kann sofort kontrolliert und bei Bedarf ergänzt werden. Anschließend wird es elektronisch an das Dentallabor übermittelt.
Vorteile der digitalen Abformung
- Höherer Patientenkomfort: Kein Würgereiz, keine unangenehme Abdruckmasse. Die Scanspitze berührt die Zähne nur leicht oder gar nicht.
- Höhere Präzision: Studien zeigen, dass digitale Abformungen bei Einzelkronen und kurzen Brücken eine Genauigkeit von bis zu 20 Mikrometern erreichen – vergleichbar oder besser als konventionelle Verfahren.
- Sofortige Qualitätskontrolle: Der Zahnarzt sieht das Ergebnis in Echtzeit und kann fehlende Bereiche sofort nachscannen.
- Schnellere Workflows: Die elektronische Datenübertragung an das Labor spart Versandzeit. In Kombination mit CAD/CAM-Fertigung kann Zahnersatz deutlich schneller hergestellt werden.
- Digitale Archivierung: Die Scandaten werden digital gespeichert und stehen jederzeit für Nachbehandlungen, Vergleiche oder Neuanfertigungen zur Verfügung.
- Nachhaltigkeit: Es fallen keine Abdruckmaterialien, Gipsmodelle oder Versandverpackungen an.
Grenzen der digitalen Abformung
- Subgingivale Bereiche: Bei Präparationen, die weit unter den Zahnfleischrand reichen, kann der Scanner Schwierigkeiten haben, die Ränder exakt zu erfassen.
- Feuchtigkeit und Blut: Speichel und Blut im Scanbereich können die Genauigkeit beeinträchtigen und erfordern eine sorgfältige Trockenlegung.
- Investitionskosten: Ein moderner Intraoralscanner kostet zwischen 20.000 und 50.000 Euro. Diese Investition muss von der Praxis getragen werden.
- Ganzkieferscans: Bei vollständig zahnlosen Kiefern oder sehr großen Spannen kann die Genauigkeit digitaler Abformungen abnehmen.
Genauigkeit im Vergleich
Zahlreiche klinische Studien haben die Genauigkeit beider Verfahren untersucht. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Einzelkronen und Inlays: Digitale Abformungen sind mindestens gleichwertig, in vielen Studien sogar überlegen.
- Kurze Brücken (3–4 Glieder): Beide Verfahren liefern vergleichbare Ergebnisse.
- Lange Brücken und Ganzkiefer: Konventionelle Abformungen können hier noch Vorteile bieten, da digitale Scanner über große Strecken zu Ungenauigkeiten neigen können.
- Implantatprothetik: Für einzelne Implantatkronen sind digitale Scans hervorragend geeignet. Bei verschraubten Ganzkieferversorgungen auf mehreren Implantaten bevorzugen viele Implantologen noch konventionelle Abformmethoden.
Wann wird digital, wann konventionell abgeformt?
In modernen Zahnarztpraxen werden häufig beide Verfahren eingesetzt – je nach klinischer Situation:
- Digital bevorzugt: Einzelkronen, Veneers, Inlays, Onlays, kurze Brücken, kieferorthopädische Aligner, Einzelzahnimplantate.
- Konventionell bevorzugt: Komplexe Ganzkieferversorgungen, stark subgingivale Präparationen, zahnlose Kiefer, Totalprothesen.
Was bedeutet das für Patienten?
Für die meisten Patienten bedeutet die digitale Abformung vor allem eins: mehr Komfort. Der lästige Abdruck mit Silikonmasse entfällt, die Behandlung geht schneller, und das Ergebnis ist in vielen Fällen präziser. Fragen Sie bei Ihrem nächsten Zahnarztbesuch, ob Ihre Praxis einen Intraoralscanner einsetzt – und bei welchen Versorgungen er zum Einsatz kommt.
Fazit
Die digitale Abformung hat sich in den letzten Jahren von einer Innovation zu einem klinischen Standard entwickelt. Für die Mehrheit der prothetischen Versorgungen bietet sie klare Vorteile gegenüber dem konventionellen Abdruck – sowohl für den Patienten als auch für den Behandler. Dennoch hat der klassische Abdruck in bestimmten klinischen Situationen weiterhin seine Berechtigung. Entscheidend ist, dass Ihr Zahnarzt beide Verfahren beherrscht und situationsgerecht einsetzt.